Wir wissen oft was richtig wäre. Warum tun wir es trotzdem nicht?

Franzi

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Es gibt diesen Moment den ich fast jeder kennt. Du weißt dass du jemandem eigentlich Bescheid sagen solltest. Du weißt dass das Produkt das du kaufst unter Bedingungen hergestellt wurde die du ablehnst. Du weißt dass du in der Situation hättest eingreifen sollen. Du weißt es. Und du tust es trotzdem nicht.
Das ist nicht Unwissenheit. Das ist etwas anderes.
Die Philosophie hat dafür einen alten Begriff: Akrasia. Willensschwäche. Aristoteles hat das schon beschrieben, das Handeln gegen das eigene bessere Wissen. Aber ich finde den Begriff ein bisschen zu bequem weil er so tut als wäre das einfach eine Frage von Disziplin. Ich glaube es ist komplizierter.
Manchmal ist es Bequemlichkeit ja. Aber manchmal ist es auch echte kognitive Überforderung. Wenn jede Kaufentscheidung eine ethische Abwägung erfordert, jedes Gespräch, jede Haltung die man zeigt oder nicht zeigt, dann erschöpft sich das Gewissen irgendwann. Es gibt Studien zur sogenannten moralischen Erschöpfung die genau das zeigen.
Manchmal ist es auch soziale Angst. Man weiß was richtig wäre aber die Gruppe denkt anders und der Preis des Richtighandelns ist Ausgrenzung oder Konflikt.
Und manchmal, das finde ich am ehrlichsten, ist es dass wir das Wissen selbst klein reden. Wir sagen uns "so schlimm ist das nicht" oder "ich allein ändere da nichts" und damit machen wir das Wissen handhabbar.
Was mich wirklich beschäftigt ist folgende Frage: Ist ein Mensch der weiß was gut wäre und es nicht tut schlechter als einer der es schlicht nicht weiß? Oder ist Wissen ohne Handeln sogar eine eigene Form von Heuchelei?
Und andersrum: Wie schafft ihr es in eurem Alltag die Lücke zwischen dem was ihr für richtig haltet und dem was ihr tatsächlich tut kleiner zu machen? Nicht perfekt, das interessiert mich nicht. Aber ehrlich.
 
Franzi ich bin 18 und hab für diese Frage wahrscheinlich weniger Lebenserfahrung als die meisten hier. Aber ich glaub genau deshalb trifft sie mich gerade besonders.
Ich steh an einem Punkt wo ich noch relativ wenig getan habe das ich bereuen muss. Noch keine großen Entscheidungen, noch keine langen Muster. Und trotzdem erkenne ich das was du beschreibst schon jetzt. Dieses Wissen das man klein redet. Bei mir meistens in kleinen Dingen. Das Produkt das ich kaufe obwohl ich weiß woher es kommt. Das Gespräch das ich nicht führe weil es unangenehm wäre.
Was mich an deiner Frage am meisten beschäftigt ist die über Wissen und Heuchelei. Ich fang Jura an, also ein Studium das sich mit Normen beschäftigt, mit dem was gelten soll. Und ich frag mich schon jetzt ob ich in zwanzig Jahren jemand bin der über Gerechtigkeit redet und sie im eigenen Alltag bequem umgeht.
Ich hab keine Antwort darauf. Aber ich finde es wichtiger die Frage zu stellen als sie wegzuschieben.
Was du über moralische Erschöpfung schreibst klingt sehr real. Wenn wirklich jede Entscheidung eine ethische Abwägung sein soll dann ist Erschöpfung keine Schwäche sondern fast unvermeidlich. Vielleicht ist der ehrlichere Ansatz nicht alles richtig zu machen sondern zu entscheiden bei welchen Dingen es einem wirklich wichtig genug ist. Und dann da auch wirklich zu handeln.
Ob ich das hinkriege weiß ich nicht. Aber ich schreib es mir auf.
 
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