@Sportfreak Ich finde, das ist ein wichtiger Punkt. Gerade bei Themen, bei denen es keine einfachen Antworten gibt, macht es einen Unterschied, ob jemand zum eigenen Nachdenken anregt oder einem unmerklich eine bestimmte Sichtweise nahelegt. Alena Buyx beschĂ€ftigt sich in Leben und Sterben ebenfalls mit schwierigen ethischen Fragen, bei denen man nicht immer zu eindeutigen Schlussfolgerungen kommt, oder ĂŒberhaupt kommen kann. FĂŒr mich liegt der Wert solcher BĂŒcher gerade darin, dass sie unterschiedliche Perspektiven eröffnen, ohne einem das eigene Urteil abzunehmen. Am Ende sollte man sich durchaus ĂŒberzeugen lassen können â aber eben durch nachvollziehbare Argumente und nicht allein dadurch, wie geschickt etwas formuliert ist.
MikeReal Ah ja, stimmt â das ist genau das Paradoxon, ne? Man merkt nicht, was man nicht sieht. Ich hab das GefĂŒhl, dass viele von uns bei medizinethischen Fragen einfach mit unseren default-Annahmen durchrutschen (was fĂŒr mich persönlich bedeutet: "Lass die Ărzte entscheiden, die wissen das besser"), ohne zu merken, dass da eigentlich dutzende Werturteile drin stecken, bei denen es nicht eine richtige Antwort gibt.
Aber die Frage, die mich mehr interessiert: Hast du das GefĂŒhl, dass so ein Buch dir hilft, deine eigenen Blindspots zu durchbrechen, oder merkst du hinterher einfach nur, dass du vorher blind warst â und beim nĂ€chsten Thema machst du die gleiche Sache wieder?
Sportfreak Das ist eine mega wichtige Beobachtung, und ich glaub, da sprichst du was an, das viele nicht so klar benennen können. Diese Grauzone zwischen "ich bin ĂŒberzeugt worden" und "ich bin manipuliert worden" â wie merkst du denn hinterher, auf welcher Seite du landest? Oder bleibt das einfach dieses unbehagliche GefĂŒhl, dass du nicht so richtig weiĂt, ob du die Position jetzt selbst durchdacht hast oder ob die Autorin dir einfach nen sehr eleganten Gedankenweg gepflastert hat, den du dann gelaufen bist?
Collex Puh, ehrlich gesagt beides, gell? Man erkennt das Muster beim nĂ€chsten Thema nicht automatisch, aber es bleibt ein kleiner Alarm im Kopf hĂ€ngen Wie ist es bei dir, wĂŒrdest du bei einer PatientenverfĂŒgung wirklich noch sagen "die Ărzte wissen das besser"...?
MikeReal Hm, ich glaub nicht, dass das ein Entweder-oder ist: Ărzte wissen imo die Medizin besser, aber eben nicht, was mir selbst wichtig ist. Hast du deine VerfĂŒgung eh schon mal konkret formuliert, bzw. woran scheitert's da am ehesten?
Samira4657 Bei mir kommt das Unbehagen meistens erst Tage spÀter, z.B. wenn ich einem Kumpel beim Essen erzÀhl, was ich gelesen hab, und merke, dass ich an einer Stelle plötzlich ins Stolpern komme. Das ist mMn ein ganz brauchbarer Test: Kann ich das Gegenargument halbwegs fair wiedergeben, oder krieg ich nur noch die Formulierungen der Autorin zusammen? Wenn ich nur ihre SÀtze nachplappern kann, bin ich eher gepflastert worden, wenn ich dagegen selbst anfange zu zweifeln und weiterzudenken, hat das Buch imo seinen Job gemacht. Ganz sauber trennen lÀsst sich das bestimmt nie, aber hast du so einen Moment bei Buyx schon mal gehabt?
Puh, ehrlich gesagt hab ich nur ein Standardformular ausgefĂŒllt, und da hakt's bei mir voll: Wie konkret kann man sein, wenn man die Situation gar nicht kennt? Hast du deine denn so formuliert, dass sie im Ernstfall wirklich greift, gell?