Mit 62 noch mal neu anfangen – ich mache mich selbstständig und frage mich ob ich verrückt bin

SabineF.

New member
Ich gestehe dass ich lange gezögert habe das hier zu schreiben. Nicht weil ich keine Worte finde, das ist bei mir selten das Problem. Sondern weil es sich merkwürdig anfühlt in meinem Alter öffentlich zuzugeben dass man unsicher ist.
Ich bin Sabine, 62 Jahre alt, Rechtsanwältin seit über drei Jahrzehnten. Ich habe in einer mittelgroßen Kanzlei gearbeitet, Mandanten beraten, Kollegen ausgebildet, Strukturen aufgebaut. Ich kenne das Arbeitsrecht in- und auswendig. Ich habe Unternehmensgründungen begleitet, Gesellschafterstreitigkeiten erlebt, Insolvenzen abgewickelt. Ich weiß theoretisch sehr genau was es bedeutet sich selbstständig zu machen.
Und trotzdem sitze ich gerade hier und frage mich ob ich vollkommen den Verstand verloren habe.
Der Entschluss reifte langsam. Ich möchte eine eigene kleine Kanzlei aufbauen, spezialisiert, überschaubar, auf meine Bedingungen. Keine langen Hierarchien mehr, kein Rechtfertigen von Entscheidungen die ich nach dreißig Jahren Erfahrung einfach treffe. Nur ich, mein Wissen, meine Mandanten.
Klingt eigentlich logisch. Und dann kommen die Gedanken. Mit 62 fängt man nicht mehr neu an. Das Risiko ist zu groß. Was wenn es nicht funktioniert. Was sagen die Kollegen. Was sage ich mir selbst wenn es scheitert.
Ich bemerke dass ich mit mir selbst strenger bin als ich es je mit einem Mandanten gewesen wäre der in einer vergleichbaren Situation zu mir kam. Das sagt vermutlich einiges.
Haben Sie in einem Alter neu angefangen wo das Umfeld eher abgeraten hat? Was hat Sie bewogen es trotzdem zu tun – und was würden Sie heute anders machen? Ich bin aufrichtig gespannt auf Ihre Erfahrungen.
 
Hey Sabine, ich bin Jonas, Jahrgang 89 also gut zwanzig Jahre jünger als du. Und trotzdem trifft mich dein Post gerade mehr als ich erwartet hätte. 😊
Dieser eine Satz den du am Ende schreibst. Dass du mit dir selbst strenger bist als mit einem Mandanten in derselben Situation. Das ist so ehrlich und so präzise dass ich kurz aufgehört hab zu scrollen.
Ich bin selbst gerade in einer Phase wo ich frage ob ich beruflich weitermache wie bisher oder ob ich was riskiere. Ich bin 35. Und ich zögere. Mit 35. Und du stehst kurz vor 62 und machst es einfach. Das gibt mir gerade ehrlich gesagt mehr als jeder Motivationspodcast. 😅
Was mich an deiner Geschichte am meisten beeindruckt ist nicht der Mut an sich. Es ist die Klarheit. Du weißt warum du es tust. Keine Hierarchien mehr, keine Rechtfertigungen, auf deine Bedingungen. Das klingt nicht nach Midlife Crisis. Das klingt nach jemandem der genau weiß was er will und sich fragt ob er es sich erlauben darf.
Und die Antwort ist doch eigentlich offensichtlich oder? 🙏
Was ist der konkrete nächste Schritt den du gerade vor dir herschiebst?
 
Hallo Sabine,


ich hab deinen Post gelesen und musste sofort an mich selbst denken, weil ich vor zehn Jahren in einer sehr ähnlichen Situation war.


Ich bin Jahrgang 1964, hab mit 54 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt, und ich sage dir ganz offen: Es war die beste Entscheidung meines Berufslebens. Nicht weil alles sofort einfach war, die ersten Monate waren durchaus unruhig. Aber weil ich zum ersten Mal seit langen Jahren das Gefühl hatte, wirklich für mich selbst zu arbeiten und nicht für Strukturen die mir längst zu eng geworden waren.


Was du über die innere Stimme schreibst kenne ich genau. Das Umfeld hat auch bei mir eher abgeraten. Zu spät, zu riskant, zu unsicher. Und ich hab gemerkt, dass diese Stimmen von außen sehr schnell die eigene innere Stimme überlagern können, wenn man ihnen zu viel Raum gibt.


Was mir damals geholfen hat war genau das was du eigentlich schon weißt: Ich habe aufgehört mich zu fragen was passiert wenn es scheitert, und angefangen zu fragen was passiert wenn ich es nicht tue. Die zweite Frage war die ehrlichere.


Dass du nach dreißig Jahren Erfahrung weißt was du willst, spezialisiert, überschaubar, auf deine Bedingungen, das ist kein Zeichen von Verrücktheit. Das ist Klarheit. Und Klarheit in dem Alter ist ein echtes Kapital.


Ich will aber auch ehrlich sein: Es hängt sehr vom Menschen ab. Ich kenne Menschen die den gleichen Schritt gemacht haben und die sich danach einsamer gefühlt haben als erwartet, weil die Struktur des Angestelltenverhältnisses mehr gegeben hat als nur ein Gehalt. Das ist keine Schwäche, das ist einfach unterschiedlich.


Aber bei dir klingt das nicht so. Bei dir klingt es nach jemandem der längst weiß was er will und sich nur noch erlauben muss es zu tun. 😊
 
@Sabine, ich hab das dreimal gelesen bevor ich angefangen hab zu schreiben.

Ich bin Emil, 63, seit ein paar Monaten in Rente. Kein Anwalt, kein Akademiker, einfacher Arbeiter der vierzig Jahre lang gemacht hat was andere von ihm wollten. Und trotzdem erkenne ich in dem was du schreibst etwas das ich sehr gut kenne.

Dieses Gefühl dass man sich selbst gegenüber strenger ist als gegenüber anderen. Das ist nicht nur bei Juristen so. Das ist glaube ich bei jedem der lange genug gearbeitet hat um zu wissen wie viel schiefgehen kann.

Was Walter schreibt über die Frage was passiert wenn ich es nicht tue, das ist der Satz den ich mir gemerkt habe. Den hätte ich mir selbst früher sagen sollen.

Ich hab nie den Mut gehabt mich selbstständig zu machen. Nicht weil ich es nicht wollte, sondern weil immer irgendwas dagegen sprach. Familie, Sicherheit, das Haus. Ich bereue das nicht, mein Leben war gut. Aber wenn ich heute zurückschaue dann frage ich mich manchmal was gewesen wäre wenn.

Du hast dreißig Jahre Erfahrung, du weißt genau was du willst und du weißt auch genau was die Risiken sind. Das ist kein schlechter Ausgangspunkt. Das ist eigentlich der beste den man haben kann.

Mit 62 neu anfangen? Ich find das nicht verrückt. Ich find es mutig. Und ein bisschen beneide ich dich darum.
 
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